Gesellschaft · Kinder- und Jugendbuch

Ching, Chang, Stop

Die Autorin und Illustratorin Dian Gohring kommt aus Bayern. Weil sie nicht „typisch bayerisch“ aussieht, wird sie ständig mit ihrem Äußeren konfrontiert. Es belastet sie, wenn andere sie nicht als gleichwertig betrachten. Alltagsrassismus findet oft unbewusst statt. Doch verletztend ist er genauso wie bewusste rassistische Äußerungen und Handlungen.

Die Autorin schildert das Leben eines Kindes, einer Jugendlichen und Erwachsenen aus der eigenen Perspektive und Erfahrung. Dabei gibt sie konkrete, oft erschütternde Beispiele, wie Kommentare von Lehrern oder Kindern wider. Sie zeigt aber auch Möglichkeiten, sich als Betreoffene*r zu wehren und Gefühle zuzulassen, bzw. zu äußern. Die Illustrationen, teils eigenständige Bilder, vermitteln einen Eindruck der Stereotype mit denen die Autorin konfrontiert wurde, aber sie zeigen auch anschaulich verschiedene Situationen und Gefühlswelten.
Fazit: Alltagsrassismus, kulturelle Aneignung und Diskriminierung sind Themen, die bereits in Kita und Grundschule behandelt werden müssen. Noch besser wäre es, wenn wir darüber gar nicht mehr sprechen müssten. So eigenet sich das Buch auch und ganz besonders für Erwachsene, die sich bewusst machen wollen, wie oft sie selbst andere durch unbedachte Worte und Handlungen verletzen und belasten.

Kinder- und Jugendbuch

Amiras Koffer

Das Mädchen Amira trägt einen Koffer in einen Raum. Eine Frau, vermutlich ihre Mutter, schleppt ebenfalls Gepäck. Der Raum und die Umgebgung, die auf weiteren Bildern zu sehen sind, wirken einfach und ärmlich. Erwachsenen Leser*innen wird deutlich, dass Amira mit ihrer Familie in einem Flüchtlingslager angekommen ist. Amira entdeckt in der Ecke ihres Koffers eine kleine Pflanze. Sie pflegt sie und fühlt sich wohl dabei, zuzusehen, wie das Pflänzchen größer wird. Andere Kinder werden aufmerksam auf Amira und ihre Kofferpflanze und schenken ihr Samen. So hat Amira nicht nur die Pflanze als Freund und für die Erinnerungen an zuhause, sondern auch bald Kinder als neue Freunde. Und die Pflanzen wachsen gemeinsam aus dem Koffer.

Mit sanften Farben und einfühlsamer Bildsprache hat Nicky Johnston die Geschichte, die nur mit wenigen kurzen Sätzen erzählt wird, illustriert. So bietet sich das Buch bereits für junge Kinder an, eignet sich aber auch für Grundschulkinder.

Fazit: Amira und ihre Kofferpflanze unterstützen Eltern, Erzieher*innen udn Kinder dabei, über Gefühle und Freundschaft zu sprechen und geben Impulse für die Auseinandersetzung mit senisblen Themen, wie Flucht und Vertreibung.

Vikki Conley und Nicky Johnston: Amiras Koffer. Carl Auer 2022

ISBN 978-3-96843-036-2

Gesellschaft · Gesundheit · Und mehr...

Zum Glück zu Fuß

Begegnungen auf der Suche nach dem guten Leben

Die Autorin Petra Bartoli y Eckert lernte immer wieder Menschen kennen, die besonders in sich ruhten und so zufrieden wirkten. Sie fragte sich, wie es gelingt, ein glückliches Leben zu führen und beschloss, nachzufragen. Sie suchte Menschen aus, die sie bereits kennengelernt hatte aber auch welche, die sie noch nicht kannte. Die Interviews sollten in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich an verschiedenen Orten stattfinden und die Autorin entschied, sich zu Fuß auf den Weg zu machen.

15 Menschen interviewt sie für dieses Buch. Dabei fragt sie gar nicht viel, sondern hört zu, gibt Impulse oder fast zusammen. Es ist offensichtlich, dass die Autorin sich gut vorbereitet hat und geübt darin ist, aktiv zuzuhören. Die Antworten sind entsprechend tiefgründig und vielseitig aber auch mal lustig oder ganz einfach. Genau wie die Menschen selbst. Da gibt es die in sich ruhenden, spirituellen Menschen oder welche, die mithilfe von Ritualen, Bewegung oder Bauchgefühl ihre Zufriedenheit finden. Aber auch das ältere Paar, das so viel Zufriedenheit ausstrahlt. Ihre Zauberformel ist das gemeinsame Arbeiten, das Tun, sich vertrauen, aufeinander achten und miteinander reden.

Petra Bartoli y Eckert gibt aber nicht nur die Audioaufnahmen der Interviews wieder, sondern lässt uns auch an ihren Gedanken, Emotionen und Erkenntnissen teilhaben. So merkt sie beispielsweise, dass sie durchs Gehen wesentlich ausgeglichener ist als an langen Tagen im Büro. Das Gehen ist der rote Faden des Buches, denn sie beschreibt auch ihre Wege zu den Interviewpartnern, die nicht immer einfach sind. Sie entdeckt, dass es unterschiedliche Arten des Gehens gibt: bewusst oder ganz nebenbei, während man telefoniert oder Musik hört. Als sie sich ganz auf das Tun – also hier das Gehen – einlässt, bemerkt sie um sich herum Menschen, Tiere, Pflanzen, Gerüche, Farben und Geräusche. Das macht sie zufrieden.

Fazit: „Jeder ist seines Glückes Schmied“, könnte das Resümee dieses interessanten und impulsreichen Buches sein. Geschrieben von einer Autorin, die Menschen zuhört und dem Glück des Lebens ein großes Stück entgegengewandert ist. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

Petra Bartoli y Eckert: Zum Glück zu Fuß. Ueberreuter 2022

ISBN 978-3-8000-7788-5

Liebesroman · Roman

Die Radioschwestern

Klänge einer neuen Zeit

Drei junge Frauen haben 1927 das Radio für sich entdeckt. Jede aus anderen Beweggründen und mit anderen Zielen. Gesa will Sprecherin werden, Inge singt und hofft auf eine Karriere, die durch das Radio angefeuert wird, Margot ist Cellistin und ergattert einen Platz im Rundfunkorchester.

Das Radio war 1927 noch neu und nur wenige Haushalte besaßen ein Rundfunkgerät. Um etwas zu senden, musste viel Aufwand betrieben werden und alle Sendungen waren Live-Schaltungen. Dies und viele andere kleine Details aus der Zeit zwischen den zwei großen Kriegen, erfahrt man ganz nebenbei, nie aufgedrängt, sondern gut platziert im spannend und unterhaltsam geschriebenen Roman.

Die Geschichten der drei Frauen, die sich gleich zu Beginn kreuzen, sind alle glaubwürdig und interessant. So liest sich das Buch viel zu schnell, denn natürlich will man wissen, ob sich die Berufswünsche der Frauen erfüllen. Liebesgeschichten gibt es auch bei ihnen, die ganz der Zeit entsprechend sehr unterschiedlich sind.

Fazit: Ein unterhaltsamer, interessanter und spannender Roman rund um die ersten Jahre des Frankfurter Rundfunks und drei tolle Frauen, die ihre eigenen Wege gehen wollen.

Eva Wagendorfer: Die Radioschwestern. Penguin Verlag 2022

ISBN 978-3-328-10796-5