Roman

Der Augenblick der Zeit

augenblickIna Kosmos will das Porträt einer jungen Frau unbedingt kaufen. Sie ist überzeugt davon, dass es nicht, wie angegeben, aus dem 19. Jahrhundert stammt, sondern viel älter ist. Mit diesem Bild könnte sie ihre Galerie retten. Doch es kommt anders. Sie kann das Bild nicht ersteigern und die Galerie wird geschlossen. Ina, die seit Jahren selbst nicht mehr malen kann, hat ihre ganze Leidenschaft in die Förderung anderer Künstler gesteckt. Jetzt muss der Job im Museum reichen, um finanziell über die Runden zu kommen. Doch das Porträt lässt sie nicht los. Sie forscht nach und hofft, es doch noch zu bekommen.

Etwa 500 Jahre früher ist Georg Tannstetter auf seinem Maultier Cucuzza unterwegs nach Mailand zum Palast der Sforza, um eine Botschaft seines Herrn Kaiser Maximilian I. zu überbringen. Als Sterndeuter und angehender Leibarzt mit einer großen Liebe zu Zahlen, wird dort aber vor allem die Begegnung mit Leonardo da Vinci sein Leben verändern. Und die schöne „Stella“…

Stephanie Schuster erzählt von zwei Menschen, deren Begabungen und unnachgiebiger Wissensdurst sie leiten. Wo Ina die Welt in Farben und Formen wahrnimmt, Konturen sich zu Linien formen und Farben ineinander fließen, ordnet Tannstetter seine Welt systematisch, muss alles genau erforschen und strukturieren. Verbunden sind die beiden aber nicht nur durch die unbedingte Hingabe zu ihren Fähigkeiten, sondern auch durch das Porträt einer schönen Frau mit einem Blick, der so vielsagend und doch so geheimnisvoll ist. Während Ina allmählich wieder zum Malen findet, lernt Tannstetter Leonardo da Vinci kennen, der nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, sondern auch ein faszinierender Künstler ist.

Die Kapitel sind mit Pigmenten überschrieben und führen jeweils in die Gegenwart und Vergangenheit. Dabei verliert sich nie die Spur, die Spannung bleibt vom ersten bis zum letzten Wort aufrecht, egal, in welcher Zeit man gerade liest. Beim Eintauchen in die wissenschaftlichen Studien da Vincis, die er Tannstetter offenbart, sehen wir Bleiweiß (nicht nur auf den Gesichtern der Frauen), wir riechen den Muff der alten Gemäuer und hören die Schreie der gefolterten im Kerker. Wenn Ina zeichnet, führen wir mit ihr den Stift übers Papier und spüren das sanfte Abreiben des Rötelstifts. Wir baden mit ihr in den Farben  versehentlich verschütteter Pigmente, die sich im Wasser zu einem bunten Marmor vermischen. Über allem liegt ein Hauch von Sehnsucht und Liebe.

Die Autorin hat spürbar jedes Detail genau recherchiert und es zeigt sich, dass sie selbst nicht nur eine großartige und vielseitige Schriftstellerin, sondern auch eine begabte Malerin ist.

Fazit: „Der Augenblick der Zeit“ ist ein sinnlicher Roman, der mehr als nur einen Augenblick in Erinnerung bleibt.

 

Auf Lovelybooks gibt es eine Leserunde mit der Autorin.

Die Premierenlesung findet am 12.4. in München-Riem statt.

Infos zu Stephanie Schuster gibt es hier.

Stephanie Schuster. Der Augenblick der Zeit. Blessing 2018

ISBN 978-3-89667-569-9

Roman

Glück wächst im Blumentopf

Blumentopf

Eine Geschichte in Einfacher Sprache

Annalena ist 32 Jahre alt und wohnt noch in ihrem Kinderzimmer. Sie arbeitet in einer Werkstatt für Behinderte, wo es laut ist und die Arbeit unbefriedigend. Sie hat eine beste Freundin, doch die ist verliebt und vergisst Anna ein bisschen. Aber es tun sich neue Türen auf und so kommt endlich Bewegung in ihr Leben.

Andrea Behnke hat eine bezaubernde Geschichte geschrieben, die einen kleinen Einblick in ein Leben gewährt, das nur wenige von uns kennen. in einfacher Sprache geschrieben, wirken die kurzen Sätze manchmal poetisch und machen nachdenklich. Dieses Buch eignet sich nicht nur für erwachsene Menschen, die sich beim Lesen schwer tun, sondern auch für junge Leute, Deutsch-Leseanfänger und alle Menschen, die Lust haben, Annalena ein paar Tage lang zu begleiten.

Fazit: Was ist schon normal? In diesem Buch ist diese Frage egal, denn jeder Mensch braucht Freunde und wünscht sich etwas Selbstbestimmung. Eine schöne Geschichte in einfacher Sprache.

Andrea Behnke: Glück wächst im Blumentopf. edition naundob 2018

ISBN 978-3-9461-8516-1

Roman

Frühling im Kirschblütencafé

kirschNachdem sich Lizzies Freund statt um ihre Hand anzuhalten lieber aus dem Staub macht, packt Lizzie ihre wenigen Sachen und fährt zurück in die Heimat, um vorerst bei ihrer Freundin zu wohnen. Vorher merkt sie mehr oder weniger zufällig, dass sie ja eigentlich eine total begabte Näherin, Designerin, Handarbeiterin und überhaupt so was ist. Das geschieht bei einem Besuch in einem Handcrafting-Café.

Die Freundin, Jemma, renoviert gerade ein altes Café und was liegt näher als dass Jemma, ihr ganz zufällig genau jetzt erhaltenes Erbe einsetzt und sich beteiligt. Noch viel zufälliger ist bei Jemma auch Ben, der Typ, in den Lizzie in Schulzeiten verliebt war. Die beiden kommen sich näher und – Zufall? – Ben war in der Schulzeit auch in Lizzie verliebt.

Auch wenn der Plot recht einfach gestrickt ist und man sich von Anfang an alles denken kann, ist der Roman unterhaltsam. Die Figuren sind so geschrieben, dass sie näher kommen, so richtig viel Tiefe darf man nicht erwarten. Was ein bisschen nervt ist die Verallgemeinerung der Handarbeiten und die etwas sehr oberflächlich recherchierte Möglichkeit, von ein paar Handarbeitskursen zu leben. Angeblich rennen die Leute einem ja die Türen ein, wenn man so etwas anbietet – auch auf dem Land! Wenn Lizzie ja so wahnsinnig gerne näht (und eben auch alle anderen Handarbeiten supi beherrscht und total liebt und die Top-Designerin ist), warum hat sie dies dann so gar nicht vermisst, als sie mit ihrem Ex zusammen war? Angeblich hat sie sich angepasst…

Fazit: Ein unterhaltsamer aber auch recht oberflächlicher Roman für ein paar gemütliche Stunden, an denen man nicht nachdenken will.

Heidi Swain: Frühling im Kirschblütencafé. Penguin Verlag 2018

ISBN 978-3-328-10194-9

Roman

Das Haus ohne Männer

HausDie Geschichte von Juliette ist keiner der typischen Frauenromane. Im „Haus ohne Männer“ wohnen nämlich mehrere Frauen unterschiedlichen Alters von denen hier erzählt wird. Als Juliette vorübergehend in das Haus einzieht, weiß sie zwar, dass hier Männern keinen Zutritt haben, dass sich alle Bewohnerinnen strikt daran halten, hätte sie nicht erwartet. Sie selbst glaubt an die große Liebe und will das nicht aufgeben.

Nach und nach erfährt der Leser, warum die Bewohngerinnen „den Männern abgeschworen“ haben und wie sie damit zurechtkommen. Ich empfand es ein bisschen ermüdend, die Namen zuzuordnen und auf eine Geschichte zu warten. Denn es ist mehr eine Aneinanderreihung der Lebensgeschichten und Philosophien der Frauen als eine stringente Erzählung.

Fazit: Ein etwas anderer Frauenroman, durchaus charmant, aber mit fehlt hier der Schliff, denn es passiert leider nicht besonders viel, man lernt die Frauen gar nicht wirklich kennen und die ständige Leier „wir haben den Männern abgeschworen“ nervt.

Karine Lambert: Das Haus ohne Männer. diana Verlag 2017

aus dem Französischen von Pauline Kurbasik

ISBN 978-3-453-35962-8

Roman

Ein fast perfektes Wunder

ein-fast-perfektes-wunder-9783257070019.jpgDie „Eisfrau“ Milena Migliari lebt in Frankreich in einem kleinen Ort. Sie macht Eis wie es keiner macht: ausschließlich aus regionalen und saisonalen Zutaten. Dabei erarbeitet sie für jede Sorte ein eigenes Rezept, das perfekt sein muss. Ihre Lebensgefährtin, die sie einst zur eigenen Eisdiele motiviert hatte, zeigt inzwischen nicht mehr so viel Verständnis für Milenas Arbeit. Sie will ein Kind – Milena soll es austragen.

Nick Cruickshank ist ein berühmter und daher auch reicher Musiker. Seine Band, die „Bebonkers“ besteht allerdings aus in die Jahre gekommenen Drogensüchtigen, die nicht viel in der Birne haben. Nicks Verlobte plant eine große Hochzeit samt Konzert der Bebonkers auf dem riesigen Anwesen in dem kleinen Ort, in dem auch Milena lebt.

Die beiden begegnen sich …

Andrea de Carlo kann es immer noch: Charaktere erschaffen, die man bald genau zu kennen scheint und doch überraschen sie immer wieder. Obwohl er in einer angenehm unkomplizierten Sprache schreibt, schafft er es, Stimmungen, Gerüche, Geschmäcker, Geräusche und Gefühle lebendig werden zu lassen ohne dabei kitschig zu werden oder den Text zu überladen. So läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn man über die Eiskreationen von Milena liest. Und man leidet mit Nick, der doch ganz andere Musik schreiben kann und will als die aggressive Musik der Bebonkers.

Selbst Nebenfiguren, wie die Mitglieder der Band, bleiben im Gedächtnis, weil sie so besonders und doch irgendwie ganz normal sind.

Die Geschichte ist eine de Carlo Story, wie ich sie erwartet habe. Es geht um Beziehungen und um das Entdecken der eigenen WÜnsche, Ziele und Bedürfnisse. Die Figuren entwickeln sich und als Leser entwickelt man sich ein bisschen mit.

Fazit: Mal wieder ein schöner, sinnlicher Roman von Andrea de Carlo, über die Liebe und Momente, die das Leben verändern können, wenn man es zulässt.

Andrea de Carlo: Ein fast perfektes Wunder. Diogenes 2017

ISBN 978-3-2570-7001-9

Roman

Mordsacker

Cover_Shops_ePub-9783955766429Vom Ku´Damm aufs Kuhdorf – Mord inklusive

Klara Himmel landet samt Mann und erwachsener Tochter in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Ihr Mann war ein Undercover-Polizist und flog auf, weil sie irgendetwas ausgeplaudert hat (so zumindest habe ich es verstanden). Im Zeugenschutzprogramm (sie ist die einzige Zeugin eines Mordes) werden sie mit ihrer neuen Identität ins Kuhdorf geschickt. Das ist für die Großstädterin ziemlich schwierig, wo sie sich doch sonst immer so schön herausputzt und so gar kein Talent zur Landfrau hat.

Doch Klaras Mann wird ziemlich krank und kann seinen Pflichten als neuer Dorfpolizist nicht so richtig nachkommen. Klara beschließt, auf eigene Faust zu ermitteln und herauszufinden, ob der gefundene Tote ermordet wurde und von wem. Dabei verstrickt sie sich in ziemlich dubiose Lügengeflechte und geht große Wagnisse ein. Viele davon sind schlichtweg unglaubwürdig und dumm. Doch der fast naive Mut von Klara macht ihre Handlungen schließlich doch nachvollziehbar und so fiebert man als Leserin sogar ein bisschen mit, wenn sie mal wieder ins Polizeirevier einbricht.

Einige Figuren im Roman sind sehr besonders und machen richtig Spaß. So der merkwürdige Hannes, der als ehemaliger Dorfkneipenbesitzer auch noch Wilderer ist oder war. Die Szene mit ihm im Auto, ganz zu Beginn des Buches erscheint mir als stärkste, da sie in einer gelungenen Mischung aus Humor und Spannung sehr mitreißt. Auch der Bestatter, den Klara und ihre Tochter im letzten Drittel des Buches kennenlernen bleibt im Gedächtnis weil er so ein auffallender Charakter ist.

Fazit: Ein unterhaltsamer, spannender und lustiger Roman mit witzigen Figuren, von denen man gerne noch mehr lesen möchte.

Cathrin Moeller: Mordsacker. mtb 2017

ISBN 978-3-95649-681-3

Roman

Tombola

TombolaBelgrad. Vier Menschen sind angekommen, begeben sich in ihre Hotels, erleben auf dem Weg dahin schon so einiges, und merken schließlich, dass sie nicht ihren eigenen Koffer vom Band am Flughafen mitgenommen haben. Kann passieren. Zumal diese Koffer alle mittelgroß und schwarz sind, eben ganz normale Reisekoffer.

Diese vier Menschen, ein junger Wissenschaftler, der bald einen Vortrag halten soll, eine ehemalige Botschafterin, ein Geschäftsmann und eine junge Frau, suchen mehr oder weniger intensiv nach ihren Koffern. Bis sie sich treffen, passiert jedem von ihnen zumindest so viel, dass sie sich mit sich selbst auseinandersetzen, mit der Reise, dem Sinn ihrer Arbeit, ihres Lebens…

Der Autor erzählt mit viel Gespür für kleine wichtige Nebensachen, wie Menschen denken, leben, fühlen, handeln. Wenn beispielsweise die Botschafterin im Fahrstuhl steckt, gerät sie nicht einfach in Panik. Ganz ihrem bisherigen Handeln entsprechend, behält sie zunächst die Kontrolle und kommt gar nicht auf die Idee, den Notknopf zu drücken. Man lernt die Figur sehr gut kennen, ihre Charaktereigenschaften, ihre Ängste, Stärken und auch die Macken.

Die Geschichte ist sehr interessant aufgebaut und durch die verschiedenen Perspektiven der Koffersuchenden immer wieder neu beleuchtet. Auch wenn sich die Menschen im Buch auf eine Art Sinnsuche begeben, man als Leser schon ziemlich am Anfang überlegt, was Zufall ist, was Schicksal, wird es nie langweilig, sondern sogar oft recht amüsant.

Fazit: Ein interessanter Roman, der zum Nachdenken anregt, aber zugleich amüsiert und gut unterhält.

Thomas Kadelbach: Tombola. Offizin Verlag (CH) 2017

ISBN 978-3-906276-60-1