Roman

Der Gutshof im Alten Land

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Der große Krieg ist 1918 zu Ende, die überlebenden Soldaten heimgekehrt oder auf dem Weg nach Hause. Im Gutshof warten die Frauen darauf, dass auch hier die Söhne heimkehren. Der eine aus dem Krieg, der andere von dort, wohin er sich aufgemacht hat, um nicht den Hof zu übernehmen. Die Mutter wacht derweil am Krankenbett ihres Mannes, für den es kaum Hoffnung gibt. Die Tochter Finja führt den Hof mit viel Engagement.

Ein neuer Arzt samt Tochter Christine kommt ins Alte Land. Im Zug begegnen sie einem Herrn, der gerade ausgeraubt wurde. Er stellt sich mit Lennart von Voss vor, dem Namen des jüngeren Sohnes vom Gutshof. Doch er ist nicht der langersehnte Kriegsheimkehrer, sondern dessen enger Kriegskamerad Clemens, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht.

Die Geschichte wirkt zwar zunächst schon sehr fadenscheinig, denn solch starke Ähnlichkeiten unter Fremden sind kaum vorstellbar. Doch die Figuren und ihre Handlungen sind lebendig und nachvollziehbar geschrieben, sodass es leicht ist, mit den Menschen im Alten Land mitzuleben. Und wer das gesamte Buch liest, versteht auch alle Wendungen, die anfangs vielleicht etwas zu frei erfunden klangen.

Auch wenn es manchmal etwas viel Verliebtheit der Frauen gibt und einige Situationen mit kurzen Bemerkungen abgetan werden, ist die Handlung erfreulich gut aufeinander aufgebaut und dadurch spannend genug, um dabeizubleiben.

Fazit: Ein bisschen alte Zeit und ein bisschen Altes Land gemischt mit viel Liebelei und Hoffnung – all das und eine angenehm zur Zeit passende Sprache sind in diesem Roman vereint. Lesenswert.

Micaela Jary: Der Gutshof im Alten Land. Goldmann 2018

ISBN 978-3-442-48596-3

Roman

Das Mädchen im roten Kleid

rotes kleid

Eden Valentine kann nähen und hat ein besonderes Gefühl für stilvolle Mode. Als Tochter eines Schneiders, der in Londons Schneiderwerkstätten wohl bekannt ist, strebt sie nach ihrem eigenen Geschäft. Aber sie ist auch brave Tochter und arbeitet für und mit ihrem geliebten Vater.

Es ist die Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und die meisten Männer, die überlebten, sind zurückgekehrt. Manche aber wissen nicht, wohin sie gehören oder haben keine Angehörigen mehr. Einer davon ist Mr. Jones, so benannt von den Schwestern des Krankenhauses. Er hat zum Glück keine körperlichen Verletzungen, kann sich aber nicht mehr an die Zeit vor dem Krieg erinnern.

Soviel zu den beiden Protagonisten des Romans. Wie in einem sogenannten Frauenroman üblich, „stolpern“ die beiden bald übereinander. In diesem Falle treffen sie sich im Sanatoriumsgarten und sind beide sehr voneinander angetan.

Bald entwickelt sich eine intensive Liebesgeschichte, die durch einen Unfall eine plötzliche (wenn auch sehr vorhersehbare) Wendung nimmt. Um die anschließenden Wirrungen aufzulösen, braucht die Autorin weitere ca. 350 Seiten.

Ich wollte das Buch lesen, weil ich mich für die Zeit um 1920 interessiere und gerne nähe. Von beidem habe ich nicht sehr viel erfahren. Natürlich wird erwähnt, welch Schicksal viele Soldaten erlitten haben und dass es für das gemeine Volk Entbehrungen gab. Kutschen werden erwähnt und Kaminöfen. Ein wenig von der Emanzipationsbewegung der Frauen fließt ein, weil die Hauptfigur, Eden, sich frei entfalten will. Aber so richtig nahe ist mir die Zeit nicht gekommen, da die Figuren sprechen wie heute und auch die Erzählstimme sehr zeitneutral ist. Vom Nähen habe ich nur mitbekommen, dass es damals gute Stoffe gab, viel Pelz und Mode für die oberen Schichten wichtig war. Schade.

Um es kurz zusammenzufassen: Der Roman ist unterhaltsam für Leserinnen, die wenig Wert auf Schreibstil und handwerklichen Feinschliff legen. Es wimmelt von Stereotypen und Klischees (natürlich ist der tolle Mann groß, dunkelhaarig und sehr stark. Ach ja und natürlich enorm gutaussehend). Manchmal war ich nah dran, das Buch beiseite zu legen, aber dann hoffte ich doch auf eine interessante Wendung. Leider sind sämtliche Begebenheiten und Lösungsansätze eher Zufälle und vorhersehbar.

Fazit: Wer einfache, absehbare Liebesgeschichten mag und sich entspannt in 539 Seiten vertiefen will, findet hier alles Nötige vor. Wer mehr über die Zeit um 1920, die Menschen damals und auch das Schneiderhandwerk erfahren will, sollte sich andere Bücher aussuchen.

Fiona McIntosh: Das Mädchen im roten Kleid. blanvalet 2018

ISBN 978-3-7341-0569-2

Roman

Wege, die sich kreuzen

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Eine junge Hebamme, die sich mit ihrem Fahrrad emanzipiert. Ihre Tochter, die gefangen im engen Glaubensgewand ihren eigenen Weg nicht wirklich findet und deren Schwiegertochter, die ihrer Familie einen Neuanfang ermöglichen will, frei von allen auferlegten „Altlasten“. So in etwa lässt sich dieser Roman kurz zusammenfassen. Tommi Kinnunen lässt diese Familiengeschichten durch viele kleine Einblicke, chronologisch geordnet lebendig werden. Für einen kleinen Moment von ein paar Seiten dürfen wir Leser*innen mit den Figuren leben, leiden und lachen. Der Autor schreibt so sinnlich, dass man sofort eintaucht und sich hautnah in die jeweilige Zeit begibt. Dabei lässt er diese Zeiten sehr authentisch auferstehen, egal, ob es Anfang oder Ende des 20. Jahrhunderts ist.

Fazit: Ein besonderer, feinfühliger Roman, der Frauen aus drei Generationen zeigt, die trotz ihrer Stärke oft schwach sind. Dank wunderbar sinnlich geschriebener Bilder, wird die Welt dieser drei Frauen lebendig und nachvollziehbar.

Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen. DVA 2018

ISBN 978-3-421-04771-7

Kinder- und Jugendbuch · Roman

Illegal

illegalDie Geschichte einer Flucht

Ein Comic für Erwachsene und Jugendliche zu solch einem ernsten Thema, kann das funktionieren? Es kann. Giovanni Rigano hat die Geschichte des 12jährigen Ebo spannend und anschaulich illustriert. Wie in Comics üblich gibt es viele kleine Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln und überwiegend großen Bildausschnitten. So hat man das Gefühl, ganz nah an den Figuren zu sein und am Geschehen teilzunehmen.

Die Geschichte der Flucht des Jungen ist überwiegend in kurzen Sätzen erzählt und bringt näher, wie dramatisch und beängstigend es ist, Schleppern ausgeliefert zu sein. Durch Zeitsprünge soll wohl etwas mehr Spannung erzeugt werden, mich hat das eher gestört. Manchmal wirkt die Geschichte fast klischeehaft, doch leider ist es wohl Realität vieler Flüchtenden, was Ebo erfahren muss.

Am Ende des Buches erzählt Helen ihre Reise in eigenen Worten, mit Bildern illustriert. Ihre Geschichte ist real und zeigt, dass auch Ebos – fiktive Flucht – realen Erfahrungen entspricht. Schrecklich!

Fazit: Mithilfe dieses Buches können Jugendliche und Erwachsene vielleicht etwas besser verstehen, warum und wie (junge) Menschen in unser Land flüchten und ihnen etwas mehr Respekt entgegenbringen, statt sie auszugrenzen.

Eoin Colfer, Andrew Donkin, Giovanni Rigano (Illustrationen): Illegal. Rowohlt 2018

ISBN 978-3-499-21806-4

 

Kinder- und Jugendbuch · Roman

Vielleicht wird morgen alles besser

9783813507904_Cover.jpgDer 14jährige Ercole lebt in recht schwierigen Verhältnissen. Der Vater trinkt und ist ständig in irgendwelche Schwierigkeiten verwickelt. Die Mutter ist weg. Die ältere Schwester Asia zieht zu ihrem Freund und Ercole steckt mitten in der Pubertät. Eigentlich hätte er da schon mit sich selbst genug zu tun.

Er verliebt sich in Viola, die so ganz anders aufwächst als Ercole. Schon diese Liebesgeschichte ist besonders und würde für eine Erzählung reichen. Doch Ercole macht sich auf die Suche nach seiner Mutter und die Geschichte bekommt eine neue Wendung. Denn er lernt seinen kleinen Halbbruder kennen und entscheidet, Verantwortung zu übernehmen, damit der Kleine nicht dasselbe durchmachen muss wie er selbst.

Fabio Geda Schreibt großartig! Jeder der Gedanken Ercoles scheint aus dem Jungen zu kommen, nicht aus Gedas Feder. Man taucht sofort in die Welt des 14jährigen ein, fühlt mit ihm und spürt so auch selbst erlebten Zeit nach, in der sich alles verändert.

Fazit: Absolut lesenswert – für junge und ältere Erwachsene. Fabio Geda weiß, wie man von jungen Menschen erzählt, ohne über sie zu schreiben. Er scheint aus ihnen herauszuerzählen. Ercole ist eine liebenswerte Hauptfigur, die man interessiert und mitfühlend über 282 Seiten begleitet. Und vielleicht wird dann morgen wirklich alles besser.

Fabio Geda: Vielleicht wird morgen alles besser. Knaus 2018

ISBN 978-3-8135-0790-4

 

Roman

Das Mädchen, das in der Metro las

csm_9783832198862_afc55cce7e.jpgJuliette fährt jeden Tag mit der Metro. Dort liest sie. Eigentlich liest sie weniger, sondern beobachtet andere Leute beim Lesen. Einige sind auch immer in der gleichen Bahn, wie z.B. die Frau mit dem Kochbuch. Einmal steigt Juliette einige Stationen früher aus und entdeckt ein Grundstück an dessen Tor ein Buch steckt. Ein kleines Mädchen bittet sie herein und so lernt sie dessen Vater Soliman kennen. Der Mann lebt inmitten von Büchern, geht nie raus und ist ein liebevoller Vater. Die Bücher werden von Kurieren an Leute verschenkt. Soli denkt, Juliette sei auch so eine Kurierin. Für Juliette ändert sich ihr Leben vollkommen. Sie taucht tief ein in die Bücherwelt von Solimann und seiner Tochter.

Christine Féret-Fleury hat Figuren erschaffen, die nicht nur Bücher und Geschichten lieben, sondern sie auch an andere Menschen weitergeben möchten. Es ist leicht, in deren Welt einzutauchen und mitzuerleben, wie Juliette sich immer mehr den Büchern hingibt. Manchmal irritiert die Formulierung „die junge Frau“ etwas, weil es scheint, als würde die Perspektive gewechselt.

Fazit: Ein wundervoller Roman über die Wirkung von Büchern und Geschichten und die Schwierigkeit, trotz und mit Büchern auch am sozialen Leben teilzunehmen.

Christine Féret-Fleury: Das Mädchen, das in der Metro las. Dumont 2018

ISBN 978-3-8321-9886-2

Roman

Wenn es Frühling wird in Wien

frühling.jpgMarie, eine junge Frau, die ursprünglich von einem Bauernhof in Oberösterreich stammt, arbeitet als Kindermädchen bei der Familie Schnitzler. Sie liebt die beiden Kinder Lili und Heini und ist glücklich in seinem so feinen Haushalt arbeiten und leben zu dürfen.

Oskar durfte als eine Art Ziehsohn des Buchhändlers Schott in dessen Lehre gehen. Bücher sind seine Welt und er ist dankbar, dass ihn Herr Schott aus dem Waisenhaus in seinen Buchladen holte.

Die beiden Protagonisten lernen sich kennen, als Marie ein Buch für Arthur Schnitzler abholen soll. Und sie verlieben sich, zaghaft und doch auf den ersten Blick.

Die Autorin Petra Hartlieb versteht es, die (Gefühls-)Welten ihrer Figuren lebendig werden zu lassen. Marie, die schon als Kind Schlimmes erlebte und nun staunend alles Neue in sich aufsaugt. Stets bedacht, nichts falsch zu machen und doch mutig genug, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Oskar, der obwohl mittellos, an eine Zukunft mit Marie glaubt.

Die Figuren bewegen sich im Wien von 1912 und nehmen uns Leser mit in die Tramway, den Tiergarten oder die Küche in Schnitzlers Haus, wo die Köchin Anna mit der kleinen Lili Semmelknödel formt.

Fazit: Ein kleiner, feiner und bezaubernder Roman aus einer alten Zeit. Was bleibt ist die Liebe.

Petra Hartlieb: Wenn es Frühling wird in Wien. Dumont 2018

ISBN 978-3-8321-9848-0